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Jubiläums-Galgenwanderung „800 Jahre Centgericht auf dem Landberg bei Heppenheim“ - Fortsetzung

Wie Härter anhand von Quellen demonstrierte, stellte der Scharfrichter dort mehrfach Delinquenten an den Pranger. Die nächste Station war der ehemalige Standort des Heppenheimer Diebsturms an der Ecke Hinterer Graben/Siegfriedstraße. Zwar ist der Diebsturm nicht mehr erhalten, aber anhand zeitgenössischer Zeichnungen konnte Härter erläutern, wie dort Untersuchungshäftlinge „eingelocht“ wurden. Von dort ging es zum Kurmainzer Amtshof, in dessen Saalbau Verhöre und auch die Folter – im „Armeesünderstübchen“ des Kapellenturms – durchgeführt wurden. Anhand einer noch erhaltenen Verhörprotokolls des H.N. Engelhard aus dem Jahr 1688 wurde der Ablauf eines Verhörs in einem Ehebruchs- und Inzestfall nachvollzogen. Eine ebenfalls noch erhaltene Rechnung des Scharfrichters von 1758 über die Folterung von fünf Mitgliedern einer sog. „Zigeunerbande“ machte nachvollziehbar, mit welchen grausamen Methoden Delinquenten verhört wurden, um Geständnisse und Informationen zu erzwingen. Von der Altstadt aus führt die Wanderung zum Landberg, wo zunächst der an der B 3 stehende „Streitstein“ besichtigt wurde. Dabei handelt es sich um ein im Jahr 1600 in Stein gemeißelten Urteil des Pfälzer Kurfürsten im „Wäppnerstreit“ zwischen Bensheim und Heppenheim, bei dem es um die Übergabe und Überführung von Delinquenten zum Landberg ging. Auf dem Landberg, dem Sitz des Centgerichts, angekommen, informierte Härter anhand großformatiger Abbildung von Originalquellen zunächst über den Charakter des Landbergs als Gerichtsstätte, die Struktur des Gerichts, dessen Hegung (Eröffnung und Ablauf des Verfahrens) und das Weistum von 1430, die älteste Rechtsgrundlage des Centgerichts. Den Ablauf eines Gerichtsverfahrens wurde dann für die Teilnehmer unmittelbar erfahrbar: Mitglieder des Geschichtsvereins und Gästeführerinnen und Gästeführer spielten Szenen aus „Der letzte Endliche Rechtstag des Centgerichts auf dem Landberg: Verfahren und Hinrichtung des Niklas Dörsam am 6. Dezember 1799“. Karl-Heinz Trares als Delinquent Niklas Dörsam, Detlev Kaiser als Richter und Thilo Hanssen als Schöffe des Centgerichts, Inge Schäffauer als Opfer und Zeugin Lückhaupt, Andrea Hanssen als Margaretha Dörsam, Mutter des Delinquenten, und Karl Härter als Scharfrichter und Erzähler beeindruckten die Teilnehmer auf dem Landberg durch eine authentische Vorführung nach Originalquellen in zeitgenössischen Kostümen. Nachdem der Stab über Dörsam gebrochen war, ging es weiter zum ehemaligen Hinrichtungsplatz auf der Gemarkungsgrenze von Heppenheim und Bensheim am Fuß des Hemsbergs. Dort liegt auch der „Galgenacker“, auf dem die Hingerichteten verscharrt wurden. Härter konnte aus eigenen Erfahrungen über das Auffinden mehrerer Skelette im Jahr 2002 berichten. Über den noch erhaltenen Galgenweg begaben sich die Teilnehmer auf den östlich der B 3 liegenden Hinrichtungsplatz, von dem noch Reste erhalten und dessen Lage unmittelbar über der Landstraße/B 3 noch gut nachvollziehbar ist. Im oberen Bereich des Hinrichtungsplatz, wo sich auch der Galgen befand, informierte Härter über den Ablauf von Hinrichtungen und den Vollzug von Galgen- und Schwertstrafen: weibliche Delinquentinnen (Kindsmörderinnen) wurden meist enthauptet, männliche Diebe und Räuber wurden erhängt und blieben z.T. Jahre am Galgen hängen. Anhand einzelner Fälle und erhaltener Originaldokumente – wie z.B. einer „Heirat unter dem Galgen“ im Jahr 1726 oder der Massenhinrichtung von acht Mitgliedern einer „Räuberbande“ – konnten die Teilnehmer die vormoderne Praxis der Strafjustiz des Centgerichts Starkenburg auf dem Landberg anschaulich – und teils mit Schaudern – nachvollziehen. Die „Galgenwanderer“ dankten mit anhaltendem Applaus für die Jubiläums-Galgenwanderung „800 Jahre Centgericht auf dem Landberg bei Heppenheim“.

 

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